Erster Klasse nach Europa

Zug. Ein letztes Mal setzen wir uns über Nacht in die transsibirische Eisenbahn. Wir legen knapp 3.000 Kilometer zurück, passieren vier Zeitzonen und brauchen dafür - nur - 42,5 Stunden. Unsere längste Fahrt überhaupt. Als wir die Tickets buchen, stehen wir vor einer wichtigen Frage: Wollen wir in einem geteilten oder in einem privaten Abteil reisen? Die russischen Züge sind schmaler geschnitten als die chinesischen. Man hockt sich gewissermaßen auf der Pelle. An sich ist das kein Problem, aber bei mehr als 42 Stunden sind wir uns nicht sicher, ob wir unsere Pelle teilen wollen. 


Rückblick: Wir fahren von Irkutsk nach Tomsk. Wie immer haben wir Tickets zweiter Klasse gebucht und finden uns mit Sascha im Abteil wieder. Gut, der vierte Platz ist noch frei, denken wir. Als wir einsteigen, ist Sascha shoppen. Die Züge halten öfters länger, manchmal bis zu einer Stunde, so dass man sich in Ruhe mit allem Nötigem versorgen kann. Sascha ist ein ruhiger Typ, der - kaum ist er wieder im Zug - T-Shirt und Jeans auszieht und in Badehose rumliegt. Ok.


Irgendwann verschwindet Sascha drei Abteile weiter bei seinen Kumpis - gut daran zu erkennen, dass sie auch nur in Badehose rumhängen. Der Wodka wird ausgepackt. Als Sascha zurückkommt, ist er redseliger. Wir erfahren, dass er beim Militär ist, in der Ukraine und Syrien kämpft. Wir wundern uns, haben die Russen doch gar keine Soldaten in der Ukraine. Von Bodentruppen in Syrien wissen wir auch nichts. Nun gut, können nicht alles wissen. Zusammen spielen wir ein paar Runden Karten, dann versuchen wir zu schlafen. Mittlerweile sind wir zu viert im Abteil, der Sauerstoff ist verbraucht, die Herren schnarchen um die Wette. Am nächsten Morgen lässt sich die Luft schneiden, wir vegetieren weitere sechs Stunden vor uns hin. Wir sind uns einig: Wir hatten schon angenehmere Zugfahrten. 


Die Entscheidung steht also: Für den 42,5 Stunden-Ritt gönnen wir uns Tickets der ersten Klasse. Alles richtig gemacht: Wir haben zwar keine eigene Toilette wie in China, dafür zwei sehr gemütliche Bettchen in unserem mit Holz vertäfeltem Privatabteil. Dazu jede Menge kleiner Annehmlichkeiten. Angefangen bei Wasser und Tee, über Schokolade, Schlappen bis hin zu Handtüchern und einem Zahnputzset. 


Es herrscht Ruhe im Wagon, die Klimaanlage funktioniert, wir halten Mittagsschlaf. Abends werden uns Gulasch und eine Käseplatte aus dem Bordrestaurant kredenzt. Wir fahren durch einen Birkenwald nach dem anderen, unterbrochen von kleinen Örtchen, lassen Sibirien mit Jekatarienburg hinter uns und sehen im Ural den Obelisken, der die Grenze zwischen Asien und Europa markiert. Wir sind zurück. 

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