Und Ob

Novosibirsk. Wir sind müde. Eigentlich müssten wir in das pulsierende Nachtleben der sibirischen Hauptstadt eintauchen. Und Wodka aus Flaschen trinken. Aber wir sehnen uns nach unserem Sofa in Bochum. Dreieinhalb Monate Entdecken, Erkunden und Kennenlernen machen müde.


Schon vor der Reise war uns klar, dass wir nicht dauerhaft von Stadt zu Stadt, von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hechten wollen. Die Füße, der Kopf, die Seele brauchen hin und wieder eine Auszeit. An solchen Tagen schlafen wir bis in die Puppen, verlassen das Hotel nur zum Essen, gucken stundenlang ARD- und ZDF-Mediathek. Und genießen es. 


Diesmal ist es anders. Wir sind nicht nur erschöpft, sondern auch satt. Satt an Eindrücken und hungrig nach Vertrautem, nach Heimischem. Also schalten wir einen Gang runter. Die vielen stylischen Cafés in Novosibirsk, in denen selbstgemachte Lampen hängen, alte Bücher herumstehen, James Blunt und Norah Jones dudeln, kommen uns ganz recht. Wir lümmeln. Nach frisch gepresstem O- und Grapefruitsaft raffen wir uns auf und spazieren los. 


Dass es Novosibirsk überhaupt gibt, ist der Transsibirischen Eisenbahn zu verdanken: Ohne die Entscheidung Zar Alexanders III, hier eine Brücke über den Ob und einen Bahnhof zu bauen, wäre dieser Flecken Erde immer noch ein verschlafenes Dörfchen. Am Ufer erinnert ein Brückenpfeiler an die Anfänge der Stadt. 


Heute gibt sich Novosibirsk als kulturelles Zentrum Sibiriens. Am Leninplatz steht das größte Opern- und Balletthaus Russlands, unweit finden wir die Philharmonie, etwas weiter steht ein ufoartiges Theatergebäude mit Haifischflosse auf dem Dach. Museen gibt es zuhauf. Das einzige, das uns interessiert - das UDSSR-Museum - hat montags geschlossen. 


Von unserem Taxifahrer erfahren wir, dass Novosibirsk noch mehr zu bieten habe. Die kleine Kapelle St. Nicholas markiere das geografische Zentrum Russlands, sagt er. Umringt von wuchtigen Sowjetbauten, auf einer Verkehrsinsel inmitten der Hauptstraße, wirkt sie mit ihren goldenen Kuppeln wie aus der Zeit gefallen. Die Berechnungen von damals sind es auch: Der Mittelpunkt des Putinreiches liegt heute weiter östlich, bei Krasnojarsk. 


Uns zieht es zurück zum Leninplatz, wo wir im Schatten einer riesigen Statue des ehemaligen Revolutionsführers die Novosibirsker beobachten. Einst für Berlin gedacht, von der SED-Spitze als zu monumental befunden, ist das Denkmal heute Treffpunkt für junge Skateboarder, tanzende Mädels und Hochzeitsgesellschaften auf der Jagd nach dem perfekten Bild. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Jessi (Donnerstag, 24 August 2017 22:17)

    So wunderbar eure Reiseeindrücke zu lesen sind, auch wir freuen uns riesig, euch bald wieder auf eurer Couch in Bochum zu wissen...