Go west, where the skies are blue

Zug. Kehrtwende: Wir sind auf dem Rückweg. Schluck. Ok, wir werden noch mehr als fünf Wochen brauchen. Und dabei die Mongolei und Russland durchqueren. Wir freuen uns, sind aber auch schon ein bisschen wehmütig. 


Zum Trost gönnen wir uns von Peking nach Ulaanbaatar einen First Class Sleeper. Ist mal drin, denken wir. Und es lohnt sich. Wir trauen unseren Augen nicht, als wir in unserem Zweierabteil ankommen: Wir haben eine eigene Toilette. Und eine Dusche.


Mehrfach hören wir in unseren Hostels, dass man unbedingt dritter Klasse reisen soll - sechs Stockbetten ohne Tür zum Gang. More socialising. Kann sein. Unsere Erfahrung: socialising heißt - sofern man nicht zusammen pichelt - Geschnarche, Gerotze, Gestank, plärrende Blagen. Hunde, Katzen, Hühner, Pferde und ein Sack Reis. Wollen wir nicht. Der Preisunterschied zwischen erster und zweiter Klasse ist auf dieser Strecke so lächerlich gering, dass wir nicht lange nachdenken. 


Wir rechnen mit reichen, rüstigen Rentnern, die sich ihren Lebenstraum erfüllen. Von wegen. Rechts neben uns wohnen Ross und Jaci, ein liebenswürdiges Paar aus Melbourne in unserem Alter. Links von uns Tristan und Mathilde, zwei furchtlose Backpacker aus Marseille, die sich in Ulaanbaatar ein Motorrad kaufen und dann durch die Steppe brettern wollen. Der Rest des Zuges ist ebenfalls in der Hand ausländischer Touristen. Australische Pfadfinder haben vier Wagons in Beschlag genommen und dünsten Pubertät aus. 


Die ersten zehn Stunden vergehen wie im Flug: Wir klönen mit unseren Nachbarn, gehen gemeinsam auf zwei Bierchen in den Speisewagen, kniffeln, essen Instantsuppe, gucken aus dem Fenster. 


An der Grenze wendet sich das Blatt. Wir wissen, dass die Abfertigung eines etwa 350 Meter langen Zuges so seine Zeit braucht. Da die Spurweite in der Mongolei und Russland eine andere ist, werden alle Wagons einzeln abgekoppelt, in Zeitlupe etwa 1,8 Meter angehoben und umgesetzt. Bei den ersten drei Wagons ist es noch spannend, danach nur noch zäh. Nach sechs Stunden brachialer Rangierkunst sind wir durchgeschüttelt und immer noch hellwach. Um 03:30 Uhr wünscht uns der mongolische Beamte einen guten Trip und es kehrt Ruhe ein. An Schlaf ist trotzdem nicht zu denken, unser First Class Sleeper gurgelt und pfeift in einer Tour. Alex tobt: Wie bescheuert kann man eigentlich sein? Für das Geld wären wir dreimal geflogen! 


Als gegen 04:30 Uhr die Sonne ihre ersten Strahlen über die staubige Gobi schickt, ist Alex besänftigt. Eine heiße Dusche mit festem Strahl entschädigt für die kurze Nacht. Der Himmel ist rot, orange, blau. In der Ferne tauchen die bunten Dächer Ulaanbaatars auf. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Moni (Dienstag, 01 August 2017 09:22)

    Ja ja, so vieles wäre schneller gegangen mit dem Flieger. Aber ob Ihr dann auch so viel ungewöhnliches und unfassbares erlebt hättet? Ich bin gespannt auf Eure Berichte aus der Mongolei...