Himmlische Herde

Tian Chi. Wir machen nun doch einen Ausflug. Und zwar auf eigene Faust. Glauben wir. Wir wollen zum berühmten Himmelssee im Tian Shan-Gebirge, etwa 110 Kilometer von Ürümqi entfernt. Laut Lonely Planet fahren jeden Morgen gegen 9:00 Uhr Busse vom Volkspark ab. Jenny ist skeptisch, der Lonely Planet hat schließlich auch behauptet, dass CITS uns mit dem Zug für die Mongolei helfen könnte. 


Mehrere Busse warten schon, als wir ankommen. Wir nehmen die letzten freien Plätze. Man ist über die westlichen Mitreisenden sichtlich verwundert. Kaum rollen wir, greift sich eine nervtötende Frauenstimme das Mikro und brüllt ohne Punkt und Komma hinein. Eine Stunde lang. Wir meinen zu verstehen, dass die Reisegruppe - wir sind nämlich eine! - auf die Traditionen der am See lebenden Kasachen vorbereitet wird. Zumindest wird bald gemeinsam geklatscht, geschnipst und mit den Händen über dem Kopf herumgewedelt (Tanz?). Alle 20 Minuten macht die Stimme eine Pause, geht herum und sammelt Geld ein. Wir wissen zwar nicht wofür, werden aber auch jedes Mal ausgelassen. Nun, gibt Schlimmeres.


Erster Stopp. Der Bus biegt von der Hauptstraße in einen winzigen Sandweg, am Ende steht eine Gewerbebaracke. Alle raus aus dem Bus, rein in die Baracke. Außer wir. Es stehen noch drei weitere Busse rum, einer der Reisenden spricht uns an. Ein junger Mann aus Taiwan, er erklärt uns, drinnen würden Sachen vertickt, es ginge erst weiter, wenn genug über den Tresen gegangen sei. 


Die Stimme taucht neben uns auf und fragt uns per Übersetzer-App, ob wir zum scenic spot wollten. Zum See? Natürlich, was denn sonst? Gegenfrage von uns: Wo sind wir und was machen wir hier? Stimme: Dies ist der visiting spot, bitte 20 Minuten warten. Ah ja. 


Nächster Halt nach fünf Minuten Fahrt: Parkplatz. Hier werden Tickets gelöst und wir in Minibusse verfrachtet. Zusammen mit etwa 50 weiteren Busladungen. Die Stimme rennt mit Mundschutz und Fähnchen voran und hält die Herde zusammen. Vorher müssen wir durch die Sicherheitskontrolle, Alex muss sein Taschenmesser abgeben, darf es sich auf dem Rückweg aber wieder abholen. 


Dritter Stopp: Eine Ansammlung von Plastikjurten und bunten Nippesständen im Nirgendwo, Kamele stehen für Fotos bereit. Traditional Kazakh Folklore Village lesen wir auf dem Schild am Eingang. Es funktioniert wie IKEA, nur leider ohne Abkürzung: Es gibt genau einen Weg, der hindurch führt, an den Ständen drumherum Ramsch. Am Ende wird ungefragt von jedem ein Foto zwischen zwei verkleideten Frauen gemacht. Glücklicherweise hat die Stimme offenbar selbst keinen Bock und treibt die Herde durch das “Dorf“.  


Weitere 20 Minuten und eine steile Serpentinenstraße später, kommen wir endlich am See an. Naja fast, wir müssen noch einen Kilometer den Berg hinauf. Für die Alten und Lahmen stehen Elektroautos bereit. Wir laufen und schaffen es, uns von der Herde zu trennen. Die Stimme gönnt uns dreieinhalb Stunden Freiheit. 


Der See ist alle Mühen wert. Der chinesische Massentourismus hat zwar schon seine Spuren hinterlassen, aber so schlimm ist es gar nicht, auf befestigten Wegen am Ufer entlang zu schlendern. Die meisten Leute lassen wir im vorderen, asphaltierten Bereich zurück, sie sind hier die nächsten Stunden mit Selfies beschäftigt. Die anderen steigen sofort in das nächste Verkehrsmittel um und schippern im Drachenboot über den See.


Wir kommen bis zu einem buddhistischen Tempel aus dem 13. Jahrhundert. Unterwegs genießen wir die Alpenszenerie. Türkisblaues Wasser, Tannen an den Hängen, ganz hinten der schneebedeckte Peak of God mit über 5.400 Metern. Immer wieder erstaunlich, wie schnell man aus der staubigen Wüste ins Grüne kommt. Über uns kreisen Falken und Bussarde. Im Tempel zünden wir drei Räucherstäbchen an.


Als wir die Stimme und den Rest unserer Herde treffen, sind wir gelöst. Hach, hat sich doch gelohnt. Jetzt freuen wir uns auf eine rasche Heimfahrt und einen leckeren Hot Pot in Ürümqi. Im Minibus zum Umladeparkplatz schlafen alle Fahrgäste friedlich ein. Alex’ Messer gibt es ohne Murren zurück.


Im Reisebus dann die Ernüchterung. Offenbar hat sich die Stimme dreieinhalb Stunden geschont. Sie plärrt wieder. Trauriger Höhepunkt: Sie singt. Als der Bus plötzlich von der Autobahn abfährt, schwant uns Böses. Zu Recht, es wartet Stopp Nummer Fünf. Diesmal: Eine künstliche, gerade hochgezogene “Stadt“ mit dem klangvollen Namen Fukang Bilive City. Es gibt ein Restaurant nach dem anderen, irgendwelche Shops und ein Museum, in dem der Rest der Herde sofort verschwindet. Wir sind richtig genervt. Zumal die Stimme uns sagt, dass wir eine Stunde Zeit hätten, to walk around. Traumhaft. 


Wir kaufen uns zwei Bier, pöbeln eine andere Busladung an und warten. Nach fast eineinhalb Stunden schickt uns die Stimme plötzlich in einen anderen Bus, der direkt nach Ürümqi fahren soll. Kurze Verwunderung, aber die Freude über die zurückbleibende Stimme überwiegt. Um 21:00 Uhr - nach 12 Stunden - sind wir zurück am Volkspark, finden Gott sei Dank schnell ein Hot Pot-Restaurant und amüsieren uns prächtig über unseren Ausflug als Teil einer chinesischen Reisegruppe.


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Kommentare: 2
  • #1

    Moni (Freitag, 07 Juli 2017 18:13)

    Ihr solltet all Eure Einträge zu einem Büchlein machen. Ich lach mich schlapp.

  • #2

    Vanessa (Sonntag, 09 Juli 2017 00:03)

    Ich kann nicht mehr! Ist das witzig.