Wo ist Mr. Guo?

Kirgisistan-China. Tja, das passiert, wenn man sich zu sicher ist, nur weil man schon zehn Grenzen reibungslos passiert hat. Von Kirgisistan in die östlichste Provinz Chinas, Xinjiang, gibt es zwei Übergänge: den Irkeshtam- und den Torugart-Pass. Letzterer ist nicht nur komplizierter, sondern auch teurer, landschaftlich aber schöner. Den nehmen wir. 


Sowohl auf kirgisischer als auch auf chinesischer Seite brauchen wir eine spezielle Genehmigung und einen Fahrer. In Kirgisistan ist das Sergei. In China hat sich Mr. Guo - eine Empfehlung von CBT - darum gekümmert. Hoffen wir. Mr. Guo kennen wir nur von einer Handvoll E-Mails, mehr wissen wir über ihn nicht. Wird schon laufen. 


Mit Sergei passieren wir um 9:00 Uhr den ersten Checkpoint. Alles kein Problem. Liegt vielleicht daran, dass nicht viel los ist - gestern war Zuckerfest. Wir fahren 30 Minuten durch das einsame Sperrgebiet, bis das kirgisische Grenzgebäude auftaucht. Alles wirkt recht verschlafen, wir sind schnell durch und das Tor ins bergige No-Mans-Land öffnet sich.


Zehn Minuten später stehen wir auf 3.800 Meter Höhe vor dem chinesischen Zaun. Und warten. Und warten. Und warten. Sergei macht Tee im Kofferraum. Wir beobachten ein paar VIP-Militär-Chinesen, die sich von ihren Lakaien vor dem Grenzstein ablichten lassen. Langsam werden wir nervös. Wir haben keine Telefonnummer von Mr. Guo, er sollte schon vor einer Stunde hier sein. 


Als plötzlich ein Bus mit einer israelischen Reisegruppe von chinesischer Seite anrollt, schöpfen wir Hoffnung. Die wird abrupt wieder zu Nichte gemacht, als uns deren Guide erklärt, dass die chinesische Grenze wegen des Zuckerfestes dicht ist. Are you kidding me? No. Als hätten sie es gehört, steigen die beiden Grenzer in ihr Auto und düsen davon. Wir stehen vor dem verschlossenen Gitter und sind ratlos.


Glücklicherweise haben wir - obwohl es weit und breit keine Siedlung gibt - chinesisches Netz. Das kirgisische hat sich schon zwei Stunden vor der Grenze verabschiedet. Wir rufen Aisha von CBT an. Wir telefonieren vier Mal, um nach fünf Stunden Warten zu erfahren: Es wird niemand kommen, unser Fahrer wurde an der Passzufahrt aufgehalten, Mr. Guo hat Urlaub und dreht Runden im Pool. Wir fluchen, wollen etwas zerstören, Sergei ist die Ruhe selbst.


Also wieder zurück nach Kirgisistan. An den Grenzposten staunt man nicht schlecht, als wir vor dem Tor auftauchen. Wir können von Glück sagen, dass wir für Kirgisistan kein Visum brauchen und so oft einreisen können, wie wir wollen. Unsere eingezogene Genehmigung für das Sperrgebiet kriegen wir gegen einen Beutel Bonbons zurück. 


Um 18:30 Uhr kommen wir völlig erledigt und verbrannt - die Höhensonne auf dem Pass haben wir in unserer Wut ignoriert - in Naryn an. CBT kümmert sich rührend um uns, macht ein gemütliches Homestay für uns klar und empfiehlt uns ein Restaurant mit Bier. Wir sind fürs Erste versöhnt. Morgen dann Versuch Nummer zwei. 


Täglich grüßt das Murmeltier: Um Punkt 9:00 Uhr sind wir wieder am ersten kirgisischen Checkpoint. An der Grenze warten schon rund 100 LKW auf Durchfahrt. Das macht uns Mut, dass in China heute gearbeitet wird. Als wir vor dem chinesischen Zaun stehen, kocht Sergei - hoffentlich ein letztes Mal für uns - Chai. Wir warten eine Stunde, dann taucht ein kleiner Chinese auf der anderen Seite auf: Alex? Jenny? Wir können unser Glück nicht fassen: Unser Fahrer samt Genehmigung. Wir müssen uns von Sergei verabschieden. Es fällt uns schwer, er hat uns so verwöhnt. 


Und dann sind wir - fast - in China. Oder auch nicht? Wir fahren vier Kilometer zu Checkpoint Nummer eins. Unser Gepäck durchwühlt man auf einem staubigen Tisch. Die Kontrolettis honorieren die Ordnung in Alex’ Rucksack mit einem anerkennenden Lächeln, Borsti wird willkommen geheißen und grunzt freudig. Danach geht es eine kurvige Straße entlang durch die Einöde. Hin und wieder ein Checkpoint, die Passkontrolle erreichen wir erst nach 100 Kilometern.


Hier hält man allerdings gerade Mittagspause, wir warten - mal wieder. Dann geht alles ganz flott: Wir sind als erstes dran und müssen nur noch am Immigration Manager vorbei, der unsere Temperatur checken will. Why are so red, fragt er Alex. Ähm, die Höhensonne? Your temperature is a little bit high, erklärt er Jenny. What? You have 37,4. 37,3 is normal. Er scheint ein bisschen überfordert, murmelt etwas von You should have a rest, wir überhören das und gehen hinaus.  


Welcome to China.            

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Kommentare: 2
  • #1

    Moni (Sonntag, 02 Juli 2017 20:50)

    Ich glaub, ich wär bekloppt geworden vor Panik, nicht weiterreisen zu können... Ihr seid wirklich gut drauf...

  • #2

    Anna P. (Montag, 31 Juli 2017 20:05)

    Sehr, sehr tolle Bilder. Das sieht alles wirklich atemberaubend aus :)