Steppvisite

Zug. Wir sind mit dem Nachtzug auf dem Weg von Shymkent nach Almaty. 


Rückblick: Architektonisch hat Shymkent rein gar nichts zu bieten, der Unabhängigkeitspark mit seltsamem Cocktailmixer-Denkmal tut uns leid. Aber uns gefällt das bunte Treiben auf den grünen Straßen. Rechnet man nicht mit, wenn man sich in die kasachische Steppe verirrt. Nur aus den altertümlichen Bussen schauen uns verschwitze, gequälte Gesichter an. Uns schwant Übles für die Nachtfahrt. 


Bingo. Wir klettern in unseren ersten nicht-klimatisierten, maximal klapprigen Zug - wahrscheinlich noch von Stalin selbst in Auftrag gegeben. Alle 30 Waggons bis auf den letzten Platz ausgebucht. Aber mal ehrlich: Ist wie mit dem Basar, irgendwie suchen wir ja das Hinterwäldlerische, das Entbehrungsreiche, möglichst weit weg von unseren bekannten Standards. 


Unsere Abteilgenossen, das Ehepaar Rose und Adey, können kaum glauben, was für Exoten ihnen gegenüber sitzen. Die ersten 30 Minuten starren sie uns an, die nächsten 15 Stunden und 30 Minuten kümmern sie sich rührend. Alex wird in die Geheimnisse eines Samowars (Wasserkochers) eingeführt, wir werden mit Maggi-Tütensuppe versorgt. Am nächsten Morgen gibt es Tee. Per Google-Translator erklärt uns Rose, dass wir uns nicht beim Biertrinken erwischen lassen sollen.


Von der Landschaft sind nicht nur wir zwei Exoten begeistert. Vorne die hügelige Steppe, dahinter das Grenzgebirge zwischen Kasachstan und Kirgisistan. Wir sind uns einig: So hohe Berge haben wir noch nie gesehen. Außer bei Herr der Ringe. Alle stehen am offenen Fenster, lassen sich den Fahrtwind um die Nase und unter die Achselhöhle wehen. Hin und wieder hält der Zug im Nirgendwo. Aus dem Nichts tauchen mindestens 100 Leute auf, die alle etwas verkaufen wollen. Erdbeeren, Kefir, Samsa, Brot, Süßigkeiten. 


Scheiß doch auf Klimaanlage und sauberes Klo!

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