Hello Mister

Mashad. Eigentlich wollten wir nur eine Nacht bleiben. Weil es mit den Zugverbindungen nicht passt, sind wir jetzt vier Nächte hier. Mit rund drei Millionen Einwohnern ist die zweitgrößte Stadt des Landes ganz anders als Teheran.  


Mashad ist das religiöse Zentrums des Irans - was im Stadtbild auch wunderbar abzulesen ist: Plötzlich tragen 90 Prozent der Frauen Tschador. Weil jährlich bis zu 20 Millionen Pilger in die Stadt kommen, hat sich außerdem ein verrückter Markt für Nippes und Krempel aus China entwickelt. An jedem Stand werden wir bzw. wird Alex - "Hello Mister" - gefragt, ob wir nicht was von dem Kram kaufen wollen. Wollen wir nicht. Und auch kein Taxi. Die Leute hier würden uns sogar ein Taxi anbieten, wenn wir gerade aus einem aussteigen. Geschäftstüchtig. 


Auf der langen Suche nach einem netten Café verzweifeln wir. Irgendwann klärt uns ein junger Typ mit blond gefärbten Haaren auf, dass es so etwas in Mashad nicht gibt. Er mit seinem Piercing und als Christ sei schon das Maximum an Freiheit - wobei Freiheit relativ ist: Er erzählt auch, dass er dafür immer wieder angefeindet würde. OK, kein Café. Dann eben in den Park, das geht immer, denken wir. Aber auch hier nicht so nett wie in anderen Städten: Der Rasen ist vielleicht auch heilig, zumindest darf er nicht betreten bzw. bepicknickt werden. 


Nicht alles ist hier negativ. Was uns sofort positiv auffällt, ist das deutlich angenehmere Wetter. Wie auch immer es geht, 30 Grad sind hier erträglich - es sei denn im Tschador, dazu gleich mehr. Als heilige Pilgerstätte gibt es eine scheinbar unbegrenzte Auswahl an sehr guten Hotels bis hin zu luxuriösen Häusern, in denen die Scheichs absteigen. 


Höhepunkt eines Besuchs in Mashad ist die Besichtigung des Holy Shrine. Für die Iraner, die mehrheitlich Schiiten sind, ist die Anlage, in der der achte Iman Reza begraben ist, das wichtigste Heiligtum überhaupt. Wir schieben den Besuch vor uns her. Alles, was wir dazu gelesen haben, war ein wenig abschreckend. Tschadorpflicht, unfreundliche Wärter, die einen scheinbar grundlos abweisen. Die tiefe Religiosität, die mit einem solchen Heiligtum verbunden ist, ist uns fremd und flößt uns Respekt ein.


Am Ende ist alles ganz einfach. Wir lassen unseren ganzen Kram im Hotel, da man wohl nichts mit reinnehmen und keine Fotos machen darf. Vor dem Heiligtum ist ein großer offener Platz, wir fragen den erstbesten Wärter in seinem Häuschen, ob er einen Tschador für Jenny hat. Ja, mit Blümchenmuster. Jenny kämpft mit dem Umhang, der eher wie eine riesenhafte Decke anmutet. Zwei nette Frauen erbarmen sich ihrer, dann sitzt das Ding und hält jede frische Luft von Jennys Körper fern. Toll! Am nächsten Aufseherhäuschen fragt man uns, woher wir kämen, dann ein Anruf und am Hörer spricht ein netter Typ in fließendem Englisch: "You are welcome, I will guide you."


Fünf Minuten später ist unser Guide Abbas da, schleust uns durch die Sicherheitskontrolle. Zuerst werden wir ins Besucherzentrum für ausländische Touristen geführt. Extra für uns stehen zwei Plastikstühle vor einem überdimensionalen Bildschirm. Wir nehmen Platz und sehen einen englischen Werbefilm. Leider ohne, dass wir ein Wort verstehen: Fünf Meter weiter vollführt eine aserbaidschanische Reisegruppe religiöse Gesänge. Wir sehen also schöne Bilder. 


Dann zeigt uns Abbas das sehr, sehr, sehr weitläufige Gelände, auf dem sich ein schöner Platz an den anderen reiht. Er erklärt uns eine ganze Menge, fragt, ob wir keine Fotos machen wollen. Fotoapparate seien zwar nicht erlaubt, Handys aber kein Problem. Tja, da brauchen wohl alle deutschen Reiseführer ein Update. Am Ende der einstündigen Tour besteht Abbas darauf, kein Geld anzunehmen. 


Schade nur, dass es von Jenny kein Bild im Tschador gibt. Vielleicht auch besser so, denn unter der Decke werden aus den 30 plötzlich 50 Grad. Jenny kann nur noch gequält gucken.


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